Hoher Verbrauch trotz niedrigem U-Wert

Nach dem Einzug in unseren Neubau erreichte der Heizölverbrauch im November
und Dezember 3000 Liter. Hochgerechnet aufs Jahr, macht das 18000 Liter –
und dies bei einem durchschnittlichen U-Wert von nur 0,4 und einem Anschlusswert von
18 kW. Stimmt an der Heizung doch etwas nicht?


Antwort: Es ist alles in Ordnung, nur die Rechnung ist falsch.
Die zwei kältesten Monate des Jahres fordern bereits rund die Hälfte des Jahresenergieverbrauchs.
Die korrekte Hochrechnung des anfänglichen Verbrauchs auf ein Jahr erreicht demnach
nur 6000 Liter.
Es darf aber auch der Energiebedarf zum Trockenheizen des Neubaues nicht vernachlässigt
werden. Je nach Baustoff und Witterungsverlauf während der Bauzeit und entsprechend dem
Einzugstermin kann sich der Energieverbrauch in den ersten Wintern ohne weiteres
verdoppeln und erst danach allmählich sinken.
Ist das Haus dieses Beispiels also erst einmal ganz ausgetrocknet, so wird sich der Jahresverbrauch
unter 4000 Liter Heizöl einpendeln.

Hintergründliches: Im Berlin der Jahrhundertwende konnte man Neubauwohnungen im
ersten Winter gratis bewohnen: zum Trockenheizen. Noch nach dem zweiten Weltkrieg war es
üblich, Rohbauten über den Winter zwecks Austrocknung „ausfrieren“ zu lassen.
Nicht nur das hat sich in den letzten 20 bis 30 Jahren geändert. An die Stelle von groß- und
offenporigem Beton BN 150 aus dem Kies der Baugrube ist hochwertiger Fertigbeton der
„Güte“ B 25 und mit Zuschlagstoffen nach exakt berechneter Sieblinie und hoch verdichtet,
getreten. Schlicht aus dem Naturton gebrannte, kleinformatige Ziegel mussten
hochporosierten Riesenhochlochziegeln weichen. Dadurch verlängert sich die
Bauaustrocknungszeit leicht auf das Fünffache:
Früher konnte das Baurestwasser aus dem Innern des weitaus lockereren Betons einen raschen
Weg durch ein Netz weiter Kapillaren an die Außenluft finden. Das meiste Wasser war
innerhalb weniger Wochen weggetrocknet. Im nunmehr dichten Beton bleibt es faktisch eingeschlossen
und muss sich von Mikropore zu Mikropore zwängen, wobei es sich nur molekular
durch feinste Kanülen bewegen kann und in der nächsten Pore physikalisch-naturgesetzlich
wieder zu Tröpfchen kondensiert. Dieser Vorgang braucht Zeit und verschlingt Energie, weil
der über Jahre nassen Beton mehr Wärme von drinnen nach draußen leitet als trockener.
Die gleiche wasserbindende Physik spielt sich im porosierten Ziegel ab. Hinzu kommt verschlimmernd,
veranlasst durch Zeitdruck und Gleichgültigkeit, das stehende Regenwasser in
den Hochlöchern der Superwärmedämmporenziegel. Bei allen Arbeitspausen sollten die
Maurer zwar jeweils die Kronen aller aufsteigenden Mauern regenwasserdicht abdecken,
aber derlei Abdeckung sieht man auf zeitgemäßen Baustellen weder an Wochenenden noch
wochentags, und schon gar nicht während der Mittagspausen. So steht denn in Millionen von
Wassersammelhochlöchern das Regenwasser in der aktuellen Niederschlagshöhe; zugemauert
und säuberlich unter Putz als Langzeitvorrat für den Daueraustrocknungsprozess. . Und genau darin liegt einer der Denkfehler begründet, auf denen nicht nur
die bundesdeutschen Energiespar- und Dämmvorschriften aufbauen. Der Gedanke „verringerter
Wärmedurchgang von Baustoffen bedeutet verringerten Wärmeverbrauch“ ist linear
und statisch angelegt und daher falsch. Alle natürlichen Prozesse laufen vernetzt und auch
noch dynamisch ab. Wer diesen Zusammenhang versteht, begreift, weshalb die U-Wert-
Theorie durch die Baupraxis nicht bestätigt wurde und auch in Zukunft nie bestätigt werden
kann.

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