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Bauen mit Verstand und fürs Gemüt

Alfred Eisenschink

 

"Einfach aus dem Bauch heraus" entscheiden heutzutage viele Zeitgenossen, und begründen damit eine vordergründige, weil wenig überlegte Entschlußkraft. Das mag gut sein, wenn es um Senf oder Kraut als Beilagen zu warmer Wurst geht. Wer ein Haus baut, trägt mehr Verantwortung. Da ist Verstand gefragt, damit am Ende auch alles fürs Gemüt stimmt.

 

Mit Gemüt meine ich, wie der Duden und viele Lexika, die Gesamtheit aller seelischen und geistigen Kräfte eines Menschen. Davon hängt der Gemütszustand des Menschen ab, und dieser kann beeinträchtigt, ja sogar gestört werden durch einen Mangel an Qualität eines Bauwerks. Im Idealfall wirkt gerade ein Wohnhaus als ständiger Kraftquell für Geist und Seele. Das wünschen sich alle Bauherrn und meinen, dieses Ziel selbstverständlich auch zu erreichen. Bald nach dem Einzug, bisweilen auch schon früher oder erst viel später, erkennen sie, wie weit der Wunsch von der Wirklichkeit entfernt liegt. Es gibt dafür eine Hauptursache: das ideologisierte Bauen.

 

Die Baukunst und alles Bauen war immer schon emotional geprägt. Ägypter, Griechen und Römer geben dafür beste Beispiele, ebenso wie die Baugeschichte von der Romanik bis zum Rokoko. Danach setzten sich Bauideologien durch mit einem ersten Höhepunkt in der Moderne. Gesellschaftliche Hintergründe bleiben dahingestellt, hier sollen die Folgen einer ideologisierten Entwurfs- und Baupraxis für unsere Zeit und für unsere Nachkommen betrachtet werden.

 

Im Fach Entwurfslehre sollten Berliner Architekturstudenten ein Objekt entwerfen. Während die andern schon drauflos zeichneten, saß einer noch nachdenklich vor seinem Reißbrett. "Was ist los mit ihnen?" fragte der Professor, und der eine meinte, er müsse noch überlegen, ob das auch zu bauen sei, was er da im Kopf hätte. "Das klären sie in der Konstruktionslehre, hier sollen sie entwerfen!" war die Antwort des Professors. Diese Geschichte kennzeichnet die Geisteshaltung sogenannter moderner Architekten. Da steht zunächst der Entwurf im Raum. Vom zweiten Strich an urheberrechtlich geschützt, und als großer Wurf durch großen Namen unantastbar, unerschütterlich auch trotz konstruktiver Undurchführbarkeit in wichtigsten Teilen! "Form follows funktion!" meinten die Gründer der Moderne noch, und wollten Formen noch dem Zweck anpassen. Die Zeiten sind vorbei. Moderne Architektur schafft in aller Welt Denkmäler der Kreativität. Was Menschen darin und davor erleben, kümmert keinen. Die Leute haben sich danach zu richten, was ihnen vorgesetzt wird: die Ausgesetztheit hinter Glas, in schwindelnder Höhe, der Luftzug drinnen und der Wind draußen, zuviel Sonne und zu wenig Frischluft, keine Aussicht hinter der "Beschattung", aber dafür ganztags künstliches Licht, erzwungene Verkehrswege durch unmenschliche Hallen und trostlose Flure. Alles eine demonstrative Mißachtung seelischer und körperlicher Bedürfnisse des Menschen.

 

Dieser Ungeist herrscht nicht nur in der großen Architektur, sondern er wirkt im gesamten Baugeschehen.

 

Nicht weniger ideologisiert steht der Wohnungsbau da. Seit Jahrzehnten ist der Balkon vor jeder Etagenwohnung vorgeschrieben. Lieblos und wertlos an die Fassaden gehängt, ziehen die Fehlkonstruktionen als betonierte Kühlrippen Wärme aus Decken und Wänden, gaukeln neuerdings in modischem Vogelbauer-Design Leichtigkeit vor, bleiben aber mehrheitlich nur als Freiluftabstellplätze für Getränkekästen und wetterfesten Hausrat nutzbar, weil es stets zu kalt oder zu warm, zu windig oder zu laut ist und überhaupt zu eng und ungemütlich selbst für ein Sonntagsfrühstück. Zum sogenannten gehobenen Komfort gehören bodentiefe Fensterscheiben hinter den Balkonen; angeblich wegen der Aussicht. Die zwangsläufig wegen der unerwünschten Einsicht undurchsichtig gehaltene Terrassen-Reling und die wildwachsenden Koniferen-Hecken in den Blumenkästen darauf, werden infolge der Aussichts-Ideologie allgemein übersehen. Viel andere Beispiele ideologisch überfrachteter, ständig kopierter Bauformen wären noch aufzuzählen.

 

Auch der "moderne" Eigenheimbau, ist von ähnlichen Auswüchsen geprägt. Mit den Flachdächern der Nachkriegs-Moderne fing es an, mit den überdachten Terrasse, zu Lasten der Wohnfläche in den Räumen dahinter, ging es weiter, Panoramafenster folgten, Wellbeton-Dächer, schwarz gefärbte Dachziegel, baierntümelnde Jodlerbalkone, Holz-Blockhäuser und -Ständerbauten, begrünte Dächer und übergrünte Erdbunker als Höhlenwohnungen und Kreativ-Ateliers. Die Klimalüge und das CO2-Spar-Postulat verdrängten jeden Ansatz solider Ziegelbauweise, machten "Sandwich"-Außenwände handelsüblich, vermeintliche Niedrigenergie- und erst recht sogenannte Nullenergiehäuser zum gesetzlich verordneten Standard und schließlich die angeberische, psychologisch unmenschliche Ganzglasbehausung zur angeblich gehobenen Wohnform.

Sollen sie doch mit ihrem Geld machen, was sie wollen! - Nach der Lebensphilosophie der hinlänglich bekannten drei Affen könnte man alle gewähren lassen. Was kümmern uns die nutzlose Terrasse, der unbrauchbare Balkon, das undichte Flachdach, die asbestverseuchten Welldächer, das Holzblockhaus zwischen den Backsteinfassaden einer "Hanse"-Vorstadt, schlechte Ständerbauten, durchwurzelte oder verdörrte Gründächer, Bunkerleben in verschimmelten und muffelnden Höhlenwohnungen, oder die Träumereien vom Niedrig- oder Nullenergieverbrauch um jeden Preis? Das alles kann uns allen egal sein; nicht ganz und nicht allen, etwa bei den Gedanken an die Verschandelung der Welt und an den Mißbrauch der Ressourcen.

 

Den größten Schaden tragen die Bauherrn selbst. Und der Volkswirtschaft fällt ein Schadensvolumen ungeahnten Ausmaßes durch die Summe der Einzelschäden aus dem ideologisierten Bauen zu. Warum? Weil sich die Ideologien. zu schnell selbst überleben, und anstatt eines Werterhalts eine Wertminderung des Bauwerks bedeuten.

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