Die aktuelle Seite Glas, Lückenfüller oder Baustoff ?


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Glas, Lückenfüller oder Baustoff ?

Alfred Eisenschink

 

Schweinsblasen oder Tierhäute schlossen die ersten Lichtlöcher menschlicher Hütten und Häuser. Dann gab es Glas. Glattgezogene Flaschenbäuche für die Oberen, bleigefaßte Butzenscheiben für die Mittleren. Heute zeigen die Kleinhäuser Glaswände in Ausmaßen der Kaufhausschaufenster der fünfziger Jahre. Allerweltsarchitekten bauen nur noch in Glas. Schwätzer sprechen vom Baustoff der Zukunft. Angefangen hat die Seelen zermürbende Glasmode mit den sprossenlosen Fenstern. Dieses Kapitel wird länger.

1. Fehler : Sprossenlose Scheiben lassen sich leichter Putzen. Und kleine Scheiben hatte man nur, weil größere nicht herstellbar waren.

 

Fakten:Fenstersprossen sind ein Teil unserer Baukultur. Sie gehen auf kleine Scheibenformate zurück. Die Tugend erwuchs dabei aber nicht aus der Not, vielmehr sollten die Pfosten und Kämpfer, wie die Querbalken unter Oberlichten in der Zunft heißen, zusammen mit den Sprossen die Fensteröffnungen in den Mauern optisch schließen. Dies bringt das beruhigende Gefühl der Geborgenheit. Das wußten unsere Vorfahren noch zu schätzen. Als 1950 die größten Bombenschäden beseitigt waren, zeigten die ersten Neubauten als Neuauflage der von den Nazis verbotenen Moderne sprossenlose Fenster. Die Hausfrauen in Stadt und Land glaubten an das leichtere Putzen, und verlangten die neuen Fenster. Von da an gings bergauf mit dem Umsatz der Flachglasindustrie und bergab mit dem Aussehen vieler neuer und alter Häuser. Wie ausgebrannt sehen heute historische Rathäuser, Schulen und Bauernhöfe aus, die mit ungeteilten Fensterscheiben verschandelt wurden und immer noch werden. Aus der Froschperspektive auffliegender Vögel spiegelt sich der Himmel in den Scheiben, und dorthin möchten sie fliegen, prallen aber an die Scheiben.

 

Große Glasscheiben hat es schon im Mittelalter gegeben. In manchen Barockschlössern sind die Terrassentüren der Beletage mit Sprossen und kleinen Scheiben gerastert, und an den Pfeilern dazwischen hängen raumhohe Spiegel. Diese Glasformate waren teuer, aber machbar. Das Raster der Sprossen an den Türen hatte die Strahlungstemperatur der Einfachscheiben gehoben. Das merken Sie nicht als Sommerbesucher, aber die Damenwelt jener Zeit hat es winters an den Dekolletes gespürt.

2. Fehler:Durch die ungeteilten Fenster sieht man mehr von der Landschaft. Und deshalb werden große Fenster zu Recht bevorzugt. Vorbei ist die Zeit der Schießscharten, statt großzügiger Fenster.

 

Fakten:Derlei gängige Parolen werden längst wie Naturgesetze nachgeplappert und leider auch geglaubt. Beobachter mit nur durchschnittlicher Aufmerksamkeit können aber hinter allen großen Fensteröffnungen - und nur darum geht es noch, nicht schon um Glasfassaden - Gardinenorgien erkennen. Diese textile Dauerkonjunktur hat ihre Ursache in der Tatsache, daß gesunde Menschen lieber auf den Ausblick verzichten, wenn ihnen nur der Einblick der anderen erspart bleibt. Das ist eine deutsche Eigenschaft. Mannshohe Hecken und Palisadenwände um Grundstücke, die schönste Wohngegenden zur Schluchtenlandschaft machen, weisen in die gleiche Richtung. Ganz anders liegen die Verhältnisse in Holland. Alle kleinen Häuser "zieren" dort große Fenster auf der Straßenseite und dahinter zum Hof oder Garten, und keine Gardine hängt davor. Alle holländischen Zeitgenossen erklären, sie fühlten sich ohne diesen Ausblick wie eingesperrt. Fast alle haben vergessen, daß es einst eine "Stuhlsteuer" gab und die Steuereintreiber durch die von der Obrigkeit verordneten Scheiben die Zahl der Stühle im Haus kontrollierten. Völlig unkontrolliert entwickelten sich bei uns die Fensterformate in die Höhe und die Breite. Dreh-Kipp-Beschläge gehören seit 40 Jahren dazu. Im Wohnungsbau zählt das Aussehen der Fassaden. Wie's drinnen aussieht, geht niemand was an. In einem Kinderzimmer schlägt dann das einen Meter hohe und einmetersiebzig breite Fenster abzüglich Leibung einmeterfünfzig weit über den Schreib- oder Spieltisch hinweg ins Zimmer, versperrt auch noch den Durchgang zwischen Tisch und Bett. Fenster werden ja nur mehr gekippt, hält man uns entgegen. Aha! Man kann dann auch nicht mehr hinaus schauen, weil man mit dem Kopf schon an die Scheibe stößt, ehe sich der Blick weiten kann. Beenden Sie die Zeit dieser Kerkerfenster. Wie schön sind doch Fenster, deren Flügel sich öffnen lassen, die auch einmal eine Weile offenstehen können, und einladen zu einem längeren Ausblick, wohin auch immer.


3. Fehler:Die Rahmen geteilter Fenster nehmen zu viel Licht weg, erst recht altmodische Mittelpfosten.

Fakten:Die Fensterrahmen sind zu massiv geworden. Darin mußten zunächst die Gestänge der Dreh-Kipp-Beschläge untergebracht werden und dazu kam dann noch das Gewicht der Isolierglas-Scheiben. Entsprechend stark mußten die Profile werden. Am Stulp, dort wo zwei Rahmen aufeinander schlagen, entstehen dadurch Konstruktionen von 15 und mehr Zentimeter Breite. Das nimmt Licht weg. Alte Profile tragen auch am Stulp höchstens eine Handbreit auf, genauer: weniger als ein normaler Augenabstand, und das nimmt kaum Licht weg, läßt sogar daran vorbeischauen, ja geradezu durchschauen. Jedoch wollen wir beim Glas bleiben und die Fensterkonstruktionen schnell wieder verlassen.

4. Fehler:Das Isolierglas hat große Fensterformate ermöglicht und eine neue Gelegenheit der passiven Sonnenwärmenutzung.


Fakten: Das sogenannte Isolierglas lebt von dieser geschickt gewählten Bezeichnung. Als vermeintlicher Qualitätsmaßstab gilt der U-Wert. Dieser wird an anderer Stelle behandelt. Hier lassen wir ihn als Zahlenwert stehen. Angenommen, Sie haben sich für Isolierglasfenster mit einem k-Wert von 1,1 (W/m2h) entschieden, und glauben, damit die derzeit beste Wahl getroffen zu haben. Dann sei Ihnen dazu verraten, daß k-Werte von Isoliergläsern an "Normscheiben" in der Größe von rund einem Meter mal einem Meter gemessen werden. Und der Nenn-U-Wert gilt für eine Fläche von 30 mal 30 Zentimeter in der Mitte des Prüfformates. Sie ahnen Schlimmes? Richtig: Bei Scheiben, die schmäler oder niedriger sind als 70 Zentimeter, steht der U-Wert nur auf der Rechnung. Von wegen Isolierglas! Um die sogenannte passive Sonnenwärmenutzung in Eigenheimen ist es wieder ruhiger geworden. Zu viele Hereingefallene haben inzwischen erlebt, daß die Sonnenwärme schnell zu viel werden kann. Vorhänge innerhalb der Scheiben dämpfen nur das Licht, verteilen aber die Wärmestrahlung nur anders. Außenbeschattung kommt teuer und elektrische Kühlaggregate kosten noch mehr Geld.



5. Fehler: Glasscheiben statt undurchsichtiger Mauern sind in schöner Landschaft geboten. Schließlich zahlt der Bauherr einen entsprechend hohenGrundstückspreis, und dann soll er die Landschaft hereinlassen, etwas davon sehen und davon haben!

Fakten: Was von der Landschaft hereinkommt, wird gesunden Menschen schnell zu viel. Nicht nur Sonnenwärme und Licht werden lästig, auch das Hinschauen-müssen, wenn sich draußen etwas bewegt. Unser angeborener Wahrnehmungszwang reagiert unwillkürlich, wenn ein Vogel fliegt, ein Ast oder Baum im Wind wackelt, oder eine Fliege an der Scheibe krabbelt. Je mehr ruhige Natur, desto niedriger ist der "Rauschpegel" und um so auffälliger macht sich die kleinste Bewegung. Den Elfuhrzug vor dem Gartenzaun hört man dagegen nicht mehr. Ob er schon vorbeigefahren ist, beantworten die Anlieger nach einem Blick auf die Uhr.


6. Fehler:Gegen zu viel Licht und Sonne werden Isolierglasscheiben beschichtet. Damit ist die Sonne ausgesperrt.


Fakten: Wieder einmal werden die Auswirkungen des letzten Fehlers durch einen neuen Fehler nur gemildert. Die Scheiben werden mit Metall bedampft, das heißt leicht verspiegelt. An der Spiegelung von außen sind die Gläser zu erkennen. Was die Schichten reflektieren und was sie durchlassen, steht an anderer Stelle. Von innen nach außen gesehen verändern die Beschichtungen die Farbtemperatur. Alles wirkt grauer, blauer oder brauner als es tatsächlich gerade draußen erscheint. Weiße Fotografierwolken an einem blauen Sommerhimmel sehen nach drohendem Gewitter aus. Und diese Verschiebungen wirken unbewußt, gleichsam homöopatisch auf das Gemüt. Schon eine kleine Verdüsterung auf Dauer genügt, um sensible Menschen depressiv zu stimmen. Dazu müssen die Scheiben keineswegs so dunkel sein, wie an Gangster-Limousinen. Wie wenig die Sonne ausgesperrt wird, zeigen die aufwendigen "Beschattungseinrichtungen". Der Hausherr des Eigenheims versucht sein Glück vergebens mit Vorhängen aller Art. Alles, was innerhalb der Scheiben hängt, hat die Sonnenwärme schon aufgenommen und strahlt sie in die Zimmer ab. Vor den gläsernen Großbauten hängen an hohen Gerüsten riesige Vorhänge aus metallenen Lamellen, die nach Sonnenstand gesteuert, die Glasfassaden beschatten. Damit ist zunächst die hochgelobte Aussicht der Insassen schon einmal flöten gegangen. Vielfach ist zu beobachten, daß die Beschattung wirkt: Die Beleuchtung ist im Innern der Glaspaläste voll eingeschaltet. Und auch die Klimaanlagen laufen auf vollen Touren. Schließlich ist es draußen warm. Der k-Wert der Fenster läßt Wärme nach innen. Die Temperatur steigt, auch noch durch Menschen, Maschinen und Beleuchtung. Den Gesamtwert des Wärmeanfalles nennt der Fachmann "Kühllast". Diese Kühllast ist vielfach höher als die Heizlast im Winter und Kühlen kostet schon bei gleicher Größe fünfmal soviel Energie wie Heizen. Sagen Sie nicht, das kann doch nicht sein, es ist so.


7. Fehler : Verspiegelte Scheiben reflektieren im Winter die Wärmestrahlung innen und halten die Wärme im Haus.

Fakten: Das kann Glas auch ohne spiegelnde Schicht. Diese Tatsache wirft auch beim Fenster alles k-Wert-Denken über den Haufen. Glas ist nämlich für kurzwellige UV-Strahlung ebenso undurchlässig, wie für langwelliges Infrarot. Hinter Glas gibt es keine Sonnenbräune und Wärmestrahlung von Wänden und Decken gegen Glas kann nicht mehr nach außen. Der praktisch undurchlässige Teil der Strahlung liegt unter 0,3 µm und über 2,7 µm Wellenlänge. Darauf beruht der Treibhauseffekt, und zwar der echte, nicht der vermeintlich atmosphärische: Gewächshäuser müssen zum Schutz gegen Übertemperatur bei Sonnenschein geöffnet werden. Treibhaus- oder Zimmerpflanzen werden hinter Glas von UV-Strahlen entwöhnt, und reagieren empfindlich, wenn sie übergangslos ins Freie gestellt oder gepflanzt werden. Hinter zu viel Glas leiden auch Menschen unter zu viel Wärme.

8. Fehler: Glas ist der Baustoff der Zukunft.


Fakten: Nur wenn es nach dem Willen der Flachglasindustrie geht, gibt es immer mehr Großbauten mit Glasfassaden. Allein die Herstellungskosten dieser Glaskonstruktionen und erst recht deren Betriebs- und Unterhaltskosten sprechen dagegen. Völlig konträr laufen die Aufenthaltsbedingungen gegen die körperlichen und seelischen Bedürfnisse der Menschen. Ursache dieser fragwürdigen Architektur ist immer die Großmannssucht der Bauherrn oder der verantwortlichen Gremien, die sich mit dem vermeintlichen Ruhm sogenannter Stararchitekten bekleckern wollen. Unwissenheit mancher Jury-Mitglieder kommt hinzu und auch die Willfährigkeit von Architekten unter den Juroren. Im Wohnungsbau hat die Glasbaukunst wenig Chancen. Selbstversuche einiger Architekten finden nur selten Nachahmer, überstehen den ersten Besitzerwechsel selten ohne Umbau und Teilabriß.


Folgen: Für Glas an Stelle solider Mauern wird immer wieder die sogenannte "Passive Sonnenwärme-Nutzung" ins Feld geführt. Durch möglichst große Scheiben soll möglichst viel Sonnenwärme ins Haus scheinen, sich in Fußböden und Wänden speichern, und nach Sonnenuntergang wirksam werden. Allzu grüne Baubiologen haben hinter den Scheiben gleich noch schwarz gestrichene Wassertonnen als zusätzliche Wärmespeicher empfohlen. Viele Nachahmer wird der Schwachsinn wohl nicht gefunden haben. Aber schon die Idee vom Wärmespeicher hinter den Scheiben ist ein bewußt herbeigeführter Denkfehler. Vorausgegangen ist die supergedämmte Außenwand, die keine Sonneneinstrahlung zuläßt.

 

Deshalb mußten die Riesenscheiben herhalten als Sonnenwärmefallen. Ungedämmte, massive Mauern nehmen die Sonnwärme auf, und leiten Sie nach innen. Und dieser Wärmegewinn ist zweifach kostenlos: einmal, wenn die Sonne scheint und natürlich ohne Ausgaben für Dämmstoff. Das vernünftig massiv gebaute Haus kommt mit vernünftig dimensionierten Fenstern aus. Nur das nutzlos gedämmte "Passivhaus" braucht die ungemütlichen Mammutscheiben. Eine andere Sache ist zu bedenken: Angenommen, das Klima ändert sich (wieder einmal!), und die Erde erwärmt sich mit der Folge anhaltender mediteraner Wetterlagen nördlich der Alpen, dann sind die Glashäuser mit den Glasscheiben ganz rasch unbewohnbar. Südlich der Alpen baut der vernünftige Mensch seit Jahrtausenden massiv, puffert damit die Sonneneinstrahlung für ein angenehmes Innenklima im Winter wie im Sommer.

 

An dieser uralten Erfahrungen der Menschheit kann eine kommerziell und deshalb zu schlecht begründete Energie-Einspar-Verordnung nichts ändern. Wer deren Doktrin folgt, erlebt die Katastrophe, opfert sein Geld ohne Gegenwert. Zahlt für die viel zu teuere Herstellung des Glasbaues, für Betrieb und Unterhalt, verliert, wenn er sich von seinen Irrtümern trennen will beim Verkauf, und der Rest des Gesamtverlustes ist dann beim "Entsorgen" der Bauruinen fällig. Muß das sein?

 

Lassen Sie sich also nicht abhalten, vernünftig zu bauen. Schauen Sie sich die Glaskäfige genau an. Achten Sie auf die Vorhänge dahinter. Betrachten Sie alte Häuser mit neuen Scheiben, wie die "Gesichter der Häuser", die Hauptfassaden, zu Fratzen gemacht werden mit überdimensionierten Scheiben. Lernen Sie sehen und beurteilen Sie das Gesehene mit Ihrem Verstand. Leichter und billiger als aus den Fehlern anderer kann man nicht lernen. Allerdings brauchen Sie dann noch ein Quentchen Mut, einiges anders zu machen als die anderen. Diese Mühe lohnt sich indessen. Humane Raumformen und humane Fensterformate bringen die Geborgenheit auch in Ihr neues Haus.


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