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Das Millionenspiel
Alfred Eisenschink
Hier geht es nicht um verschwundene Millionen, sondern um erfundene, genauer um die sechs Nullen der Million mit denen ein Heer von Nullen in allen Medien verständliche Zahlenwerte schaumschlägerhaft in unverständliche Höhen hievt. Maschinenteile werden in Millimetern gemessen, weil es dabei genau hergeht. Bei Oberweiten und Taillen gelten Zentimeter, beim Weitsprung Meter und im Auto Kilometer. Darunter kann sich jedermann etwas vorstellen. Je nach der Menge wiegen wir in Gramm, Kilogramm oder Tonnen. Wie halten Sie es bei Flüssigkeiten? Bier trinkt der Deutsche literweise. Rohöl wird nach Barrel gemessen. Daraus werden in Raffinerien Millionen "Tonnen" Mineralölprodukte. Tanker fassen Tausende von Tonnen, Tanklaster immerhin 25 bis 30 Kubikmeter. Aber auslaufen tut Heizöl immer nur in Litern. Vierzig Millionen Liter oder gleich hundert, tausend!? Die Nullen müssen aus dem bedauerlichen Unfall eine Katastrophe machen?! Mit diesem Vorspann möchte ich Sie auf die Geschichte der Verseuchungsmillion des Heizöls einstimmen. In den fünfziger Jahren sah man öfter auf der einen oder anderen Regenpfütze einen Regenbogenfarbenen Ölfilm schwimmen. Die Autos von Damals verbrauchten Literweise Motorenöl und verloren einiges davon tropfenweise auf den Straßen. Weil Heizöl gerade im Kommen war, Koks und Kohle verdrängte, suchten Kohlenbarone und Bergassessoren nachteilige Eigenschaften dieser modernen Energie. Öl im Wasser gab etwas her: Öl im Wasser, im Grundwasser, im Trinkwasser! Ein Professor Dr. Hettche, Hygieniker, untersuchte und schrieb in seinem Gutachten, daß ein relativ hohes Quantum Öl mit Wasser vermischt geschluckt werden muß, ehe es zu Reaktionen des Verdauungstraktes kommt. Eine Gefahr sei aber deshalb gering, weil weit unterhalb dieser Konzentration durch geruchliche Wahrnehmung ein Ekel ausgelöst werde, der vor dem Genuß warnt. Diese Schwelle liege bei etwa 1 ppm (= part per million). Damit war es geschehen. Von da an hieß und heißt es: "Ein Liter (Heiz-) Öl verseucht eine Million Liter Wasser". Und es gibt keine Nachsicht. Weder die Art des Öls darf angesprochen werden, noch die Verdunstung, nicht die Reaktion mit Luftsauerstoff, nichts! Haben Sie schon einmal überlegt, welche Geschäfte auf dieser Basis gemacht werden? Die Rede ist nicht von Katastrophen wie EXXON Valdez, sondern von den Aktionen, die ausgelöst werden, wenn eine Leitung im Keller tropft, der "ölfeste" Anstrich im Heizöllagerraum feine Risse hat, wenn ein Öltank zu voll gefüllt wird und Ölschaum aus der Entlüftungsleitung dringt, erst recht, wenn Heizöl oder Benzin aus welchen Gründen auch immer irgendwo versickert. Nur die Betroffenen wissen darüber Bescheid. Es geht um Millionenbeträge. 1958 hatte ich als junger Ingenieur die Ursache einer Störung an einer Ölheizanlage herausgefunden: Die Ölleitung war an einer Verschraubung undicht. Es kam kein Öl heraus, aber Luft hinein, der Heizölbrenner stand und wollte auch nicht anlaufen nachdem ich das Leck behoben hatte. "Da sauge ich an!" sagte ich zu mir selber. "Oh!" seufzte die Dame des Hauses und verschwand vom Tatort, erschien aber gleich darauf wieder. Ich saugte, bekam Öl in den Mund, und wollte gerade herzhaft auf den Boden spucken, da hielt mir eben jene Dame einen reichlich gefüllten Cognac-Schwenker vors Gesicht und sagte: "Trinken Sie gleich!" Leider gehorchte ich und schluckte. Gut drei Kilometer kam ich kurz danach mit dem Wagen, konnte gerade noch anhalten, mich an einem Laternenpfahl festhalten und reiherte. Bis am Abend hatte ich zwar Hunger aber keinen Appetit. Cognac habe ich noch lange verschmäht. Immerhin hatte ich davon etwa viermal so viel wie Öl geschluckt. Ähnlich ging es fünf Kollegen gut zehn Jahre früher. Das war noch die Nachkriegshungerzeit. Als Angestellte eines Ölmultis, wie man heute sagt, kamen sie an Weißöl, ein feinstes Raffinerie-Produkt, das auch für Kosmetika verwendet wird, kristallklar, geruch- und geschmacklos, dem Anschein nach nicht von Salatöl zu unterscheiden. Den Kantinenwirt überredeten sie dazu, damit Röstkartoffel zu braten. Nach Aussehen und Geschmack soll es ein Festessen gewesen sein. Kurz darauf kotzten alle wie die sprichwörtlichen Hochzeitshunde. Und das war's dann. Daß im Laufe der Jahre alle gestorben sind, lag am Jahrgang, nicht an der Ölverseuchung. Nichts liegt mir ferner, als ernste Gefahren zu verharmlosen. Nur zurechtrücken will ich, was verschoben wurde und wird. Wo und wann auch immer nach ausgelaufenem Öl gebohrt oder gegraben wurde und wird, fand und findet man nichts. Tonnenweise werden Erdreich und Kies immer wieder durch Brennöfen gejagt, um mit den "Ölspuren" die Gefahren einer Grundwasserverseuchung zu beseitigen. Die Natur könnte das selbst besser und billiger. Aber gerade das Billiger wollen die Millionen(ein)spieler nicht. Nein, es sollen keine Tanks auslaufen, keine Tankstellen verwahrlosen, keine Ölwechsel im Wald stattfinden. Aber die Haarrisse in der Tankraumfarbe, ein Tropfen Öl unter dem Heizölbrenner und ähnliche "Unfälle" sind keine Gründe für Katastrophenalarm und Millionengewinne. |
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