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Nachdenken statt Fürchten

Derzeit haben sie wieder ein neues Thema, die typisch deutschen Unkenrufer. Tenor diesmal: Im Streit zwischen Russland und Ukraine wird uns mitten im Winter der Gashahn abgedreht werden, Deutschland wird im Kalten sitzen.

Dabei sind es nicht die großen und lang beschworenen Katastrophen, die uns bedrohen, es sind die kleinen und überraschenden Zufälle. Allerdings sind die ganz schnell wieder aus dem allgemeinen Gedächtnis gestrichen, wir gruseln uns lieber vor dem kommenden ganz großen Unglück, als aus den kleineren Widrigkeiten vernünftige Schlüsse zu ziehen.

Jüngstes Beispiel:

Der tagelange Stromausfall in Niedersachsen Anfang Dezember, hervorgerufen durch
etwas mehr Wind und etwas mehr Naßschnee als üblich, bei dem Hunderttausende
vier Nächte lang ohne Heizung und ohne warmes Essen waren. Spricht außerhalb den unmittelbar Betroffenen noch jemand darüber?
Keiner.

Dabei gäbe es hier einiges zum Nach- und Weiterdenken. Hat der Vorfall doch wunderbar gezeigt, wohin uns der Glaube führt, dass eine in Jahrhunderten gewachsene Bauerfahrung nur Ballast ist, den es möglichst schnell abzuwerfen gilt.

Bis in die siebziger Jahre hinein war ganz ohne Frage klar, dass ein Haus einen doppelzügigen Kamin haben müsse: Einen Zug für die Gas- oder Ölzentrale, den anderen für den Fall der Fälle um einen Ofen daran anschließen zu können.

Dann aber begann sich die Meinung zu drehen.

Die Gaslobby - immer auf der Suche nach einem Wettbewerbsvorteil gegenüber der Ölkonkurrzenz - begann die Dachzentralen zu favorisieren. Kürzerer Schornstein gleich geringere Kosten hieß die Gleichung und dieser Weg wurde mit der Entwicklung von Brennwertthermen folgerichtig ausgebaut. Die hatten nur noch ein Plastikrohr nötig und der teure Schornstein war mit einem Mal komplett überflüssig.

Heute haben nur noch die wenigsten der Neubaupläne, die uns auf den Tisch kommen, einen Kamin im Haus und wir, die wir den guten alten klassischen Kessels nach wie vor für eine vernünftige Alternative halten, haben bei den "modern gesinnten" unter unseren Kunden einen zunehmend schweren Stand. Dabei wurde und wird unter allen Argumenten gegen die Thermen mit ihrem Abgasspargel und für den Kessel an einem richtigen und mit zwei Zügen ausgelegten Kamin eines besonders belächelt: Alfred Eisenschinks Warnung vor Ereignissen, die einen Ofen als Notquelle für Wärme und warmes Essen wieder bitter notwendig machen könnten.

Hier, so mag sich mancher denken, spricht halt einer aus der Kriegsgeneration dessen Vorstellungen immer noch von den erlebten Entbehrungen geprägt sind: Verstehen kann man das ja, ernst nehmen muß man es nicht. Dabei ist schon das vielleicht zu kurz gedacht: Geprägt hat diese Generation möglicherweise gar nicht so sehr die Entbehrung an sich als die Erfahrung, dass sich alles - auch das sicher geglaubte - fast über Nacht ganz und gar ändern kann und dass es dazu gar keiner großen Katastrophe bedarf: Eine Kette von ein paar Zufällen genügt.

Dieses Bewusstsein faßt bei uns erst langsam Platz. Noch bei dem großen Stromausfall in Nordamerika und Kanada im August 2003 mischte sich bei uns Mitleid mit klammheimlicher Häme. So ein blackout sei bei unserem guten europaweiten Verbundnetz undenkbar, hieß es. Und selbst in den Sondersendungen zum Münsterländer Gau meinte der Bayrische Rundfunk, dass im schneeerprobten Süden so ein Ausfall wenig wahrscheinlich sei.

Kann immerhin sein, dass immer weniger Zuschauer diesem Versprechen Glauben schenken möchten, genauso wie der RWE-Entschuldigung, hier habe es sich witterungsmäßig um einen Jahrhundertereignis gehandelt. Schließlich wissen wir mittlerweile von den Hochwassern, dass sich diese statistischen Jahrhunderte auf acht bis sechzehn Jahre zu verkürzen beginnen, und manchmal, wie am Rhein, dauern selbst acht Jahre gerade noch vierundzwanzig Monate.

Deshalb so sagt Alfred Eisenschink, müsste der gesunde Menschenverstand spätestens jetzt zwei und zwei zusammenzählen und aus diesen Tatsachen Folgerungen ziehen: Das neue Haus auf jeden Fall mit einem Kamin ausrüsten und den Altbau - wo möglich - nachrüsten. Der dadurch mögliche Holzofen macht ganz ohne Strom wohlig warm und - gut ausgewählt - ermöglicht er auch warme Mahlzeiten.

Und Alfred Eisenschink wundert sich, warum die Leute auch hier wieder zu kurz springen und die technische Hochrüstung weitertreiben: Notstromaggregate kaufen, anstatt zu erkennen, daß technische Unsicherheit nicht durch immer noch mehr Technik behoben wird, sondern nur durch weniger Technik.

Fehlerketten schmieden nannte Alfred Eisenschink dieses Verhalten schon vor Jahrzehnten und er meint damit die Zielsicherheit, mit der ein Fehler durch einen weiteren Schritt in die selbe Richtung vergrößert wird, anstatt dass man an der Fehlerursache ansetzte und versuchte, diese durch geändertes Verhalten zu beseitigen. Immer wieder hat er in seinen Büchern diese Fehlerketten aufgezeigt, jüngst in der Ökofalle - immer in der Hoffnung, die Leute möchten sich endlich aus der Bevormundung durch den sogenannten mainstream - das täglich in den Medien Vorgekaute - befreien und selbst zu denken beginnen.

Vielleicht ist es gut, dass Alfred Eisenschink immer mehr Macher und Unternehmer war als Grübler - er hätte sonst längst resigniert. Schließlich war schon vor rund 225 Jahren einer der Meinung gewesen, er hätte mit dem Aufruf zum Selberdenken einen Weg gefunden, wie sich die Menschheit aus selbstverschuldeter Unmündigkeit würde befreien können. So richtig viel weiter scheinen wir auf diesem Weg seit Kants Zeiten nicht gekommen zu sein.



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