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Verständnisvoll verständnislos?

Alfred Eisenschink

Die Fachleute scheinen sich mit der Strahlung schwer zu tun" schreibt mir Prof. Dr.-Ing. Claus Meier, und zitiert dann eine Reihe von "Stellungnahmen" mehr oder weniger prominenter Größen der Heizungsbranche (siehe "Stimmen der anderen" auf den sancal Internet-Seiten) . Die Herren meinen allesamt, an die Physik der Strahlung nicht glauben zu können. Nun kann man ungebildeten Leuten nicht verwehren, an naturgesetzliche Fakten, beispielsweise, daß das Wasser begab fließt, nicht zu glauben. Wen stört ernstlich derlei Dummheit? Doch es gibt andere, sehr denkwürdige Beispiele: Die Erde galt lange Zeit als Scheibe, die auf grundlosen Wassern schwamm. Als die Erdkugel schon als existent anerkannt war, wurde ihr Planeten-Dasein im Sonnensystem noch entschieden geleugnet. So etwas wäre heute auch nur ansatzweise unvorstellbar - möchte man meinen. Das Gegenteil ist der Fall. Nicht einmal die Motive der Leugner haben sich in Jahrhunderten geändert.

Vor über 100 Jahren hat Max Planck die Strahlungsgesetze erkannt und definiert und 1918 dafür den Nobelpreis für Physik erhalten. Diese Erkenntnis hätte die Menschheit entscheidend voran bringen können. Tat sie aber nicht. Stattdessen bekannte Max Planck, es sei aussichtslos, neues Wissen in alte Köpfe zu bringen, vielmehr müßten neue Generationen nachwachsen, um Neues aufzunehmen. Nun sind zwar nach ihm gut drei solcher Generationen nachgewachsen, doch von der Aufnahme des inzwischen nicht mehr so neuen Wissens kann keine Rede sein. Drei Gründe sind dafür maßgebend, die ich im folgenden erörtern werde.

Lassen Sie mich jedoch vorab festhalten, was in diesem Zusammenhang mit Neuem gemeint ist. Es geht um neue Erkenntnisse und Einsichten, die das menschliche Wissen erweitern, aber - und darauf kommt es an - hergebrachtem  Denken und Handeln nicht entsprechen, sondern vielmehr entgegenstehen. Inwieweit dies für Plancks Quantentheorie, das Strahlungsgesetz oder für das Wirkungsquantum zutrifft, sei dem Urteil Berufener überlassen. Hier geht es um die Existenz der Strahlenwärme als elektromagnetischer Welle und deren Wirkung auf alles Leben dieser Erde. Kein vernünftiger Mensch zweifelt daran, daß sich alles Lebendige um uns herum, und auch wir Menschen nur unter der Strahlenwärme der Sonne entwickelt haben; auch nicht daran, daß wir diese Strahlenwärme im allgemeinen sehr angenehm empfinden. Weil aber die Zentralheiz-Industrie seit ihrem Bestehen praktisch nur die Atemluft unserer Häuser aufheizt, und damit eine Luftheiztechnik mit großem wirtschaftlichem Erfolg betrieben hat, läßt die führende Elite der Branche schon den Gedanken an Strahlenwärme in der Heiztechnik nicht zu. Weder die gesundheitlichen Nachteile aller Luftheizerei, noch der Nachweis Prof. Meiers vom Gebrauch falscher Berechnungsmethoden, die strahlende Heizflächen auf halbe Leistung reduzieren und deshalb seit jeher als unwirtschaftlich  abgetan werden konnten, werden eingestanden. In gleicher Weise wird die U-Wert-Theorie verteidigt. Die falsche Annahme eines stationären Wärmestroms in den Außenmauern unserer Häuser wird als Basis für unsinnige Wärmedämmerei daraus abgeleitet, verordnet und damit festgeschrieben. Schluss mit ernsthafter wissenschaftlicher Diskussion!

Den ersten Grund für diese Haltung sehe ich in menschlicher Eitelkeit. Wer an herausragender Stelle, gelehrt, entworfen, geleitet, oder auch nur massenhaft verkauft hat, kann nicht plötzlich einräumen, daß dies alles, vielleicht auch nur das meiste falsch war. Im Gegenteil! Jeder wird nach tausend Gründen suchen und suchen lassen, wie richtig er gehandelt hat. Dieser "Menschlichkeit" gegenüber hoffte Planck, wenngleich vergeblich, auf den unbelasteten Nachwuchs. Angenommen, es könnte bei einem Verfechter überkommener Praxis im stillen Kämmerlein der Gedanke an eigene Denkfehler aufkommen, steht dem Weiterdenken und erst recht entsprechendem Handeln der zweite Hinderungsgrund im Wege: Das Ansehen in der Gruppe. Hunderte, ja Tausende Menschen sind jeweils Angehörige einer Gruppe, die ihre Ziele verfolgt. Dozenten etwa, die ihre spezielle Lehrmeinung vertreten, Unternehmer, die entsprechende Technik anwenden, und Heizungsmonteure, die deren Produkte einbauen. Nicht zu vergessen die Kunden, die dafür zahlen, weil sie an die Botschaften glauben. Alle zusammen tragen die Ideen. Und wer aus der Gruppe, diesem riesigen ideellen Verbund ausschert, indem er behauptet, einiges besser zu wissen, der wird ausgegrenzt. Jede Gemeinschaft, gerade die ideelle, verleiht bewußt oder auch unbewußt Sicherheit und Geborgenheit. Die zu verlassen bedeutet für die meisten Menschen Einsamkeit und Ausgesetztheit.

Trotzdem wagen immer wieder denkselbständige Individuen den Schritt nach draußen, versuchen sogar ihre neuen Einsichten andern darzulegen. Sie stoßen auf den dritten Grund allgemeiner Ablehnung von etwas Neuem. Dem Zweifel anderer an der Wahrheit. Schon im Kindergarten fragten wir einander bei jeder Gelegenheit: "Woher willst du das wissen?!" Und darauf mußte derjenige eine plausible Antwort haben, der etwa behauptet hat, jeder Zahn habe, wie auch jeder Baum eine Wurzel! Vater oder Mutter galten als Wissensquelle nicht originell. "Der Freund meiner großen Schwester ist Zahnarzt...!" Das konnte gelten. Wer heute Freunden oder Bekannten Neues berichtet, steht vergleichsweise arm da. Woher will er das wissen? Aus Focus oder Spiegel, vom "Fernsehen", von Berichten amerikanischer Wissenschaftler? Dann könnte er auch gleich sagen von Prof. Meier oder jenem Eisenschink!

Dabei sehe ich in der Menschlichen Neugier den wichtigsten Unterschied zur Tierwelt. Jedes Kind wird mit einer großen Neugier geboren, will alles wissen, fragt andauernd warum, wieso, wozu. Allerdings nimmt diese Neugier im Laufe des Lebens ab. Bei vielen lässt sie schon in der Schule nach, schwindet in der Ausbildung und immer mehr im Beruf. Nur ganz wenige können sich diese Neugier auf Dauer, oft bis ins hohe Alter bewahren, oder sie wird ihnen bewahrt. Daraus entwickelte sich mein Verständnis für die ewig Gestrigen. Nur die Dauer-Neugierigen setzen sich über die "Dreifachen Ochser" des Lebensparcours hinweg, nehmen Neues auf. Insofern stehe ich den vielen Unverbesserlichen nicht mehr ganz verständnislos gegenüber. Zeigen auch Sie Verständnis für Ihre Umgebung! Denken wir mit Goethe: "Der Mensch bleibt gleich, die Menschheit schreitet fort". Schritthalten!

Die treibende Kraft wirtschaftlicher Macht, habe ich absichtlich nicht erwähnt. Dies hätte in der ausgedroschenen Schelte weniger Mächtiger gemündet. Nicht was Macht zu erzwingen vermag, ist hier mein Anliegen, sondern wie unsere Seelchen agieren und reagieren. Das Wissen der Menschheit verdoppelt sich in immer kürzeren Zeitabschnitten. Leibnitz soll um 1700 noch "Alles" gewusst haben. Eine Million Leibnitze könnten heute nicht mehr für alles Wissen ausreichen. Indessen, wer kümmert sich um neues Wissen, fühlt sich von neuen Erkenntnissen betroffen? Nicht im Hinblick auf das zuletzt erforschte Genom, im Alltag meine ich, sondern auf das, was er ißt, was er trägt, an Hosen und Schuhen, an Bärten oder kahlen Köpfen, wie er haust, und wie er heizt; um bei meinem Gebiet anzukommen.


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