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Wasser sparen für die Sahel-Zone?

Alfred Eisenschink

Die Deutschen haben nach dem Krieg angepackt und zugepackt. Was sie seither machen, machen sie ganz. Nicht immer, mit dem Auto fahren sie weder weniger, noch langsamer, aber beim Mülltrennen sind sie einsame Spitze. Und beim Mobiltelefonieren. Auch wenn sich eine Gelegenheit bietet, anderen dreinzureden, etwas vorzuschreiben oder zu verbieten, entwickeln sie Einfallsreichtum und ungeahnte Kräfte. Nur keinen Gedanken an die Fehler, die angesichts der Fakten unterlaufen, und noch weniger an die Folgen des unüberlegten Handelns. Dafür ein Beispiel ganz besonderer Art: die Wassersparwut.

1. Fehler: Wasser ist kostbar, wichtiger als Öl, und Wasser wird immer knapper. Daher müssen wir alle Wasser sparen.

Fakten: Im Gegensatz zum Öl ist Wasser lebenswichtig. Aber in unserer geografischen Lage ergibt sich daraus keinerlei Zwang zum Sparen. Wasser fällt bei uns reichlich vom Himmel, steht in ausgezeichneter Qualität in allen Teilen Deutschlands zur Verfügung. Was wir heute davon krampfhaft sparen, hilft denen nach uns nichts. Die Natur hortet keinen Tropfen, und es gibt auch keine natürlichen Speicher, die sich füllen könnten.

2. Fehler: Trinkwasser ist zu schade für die Spülmaschine, für die Waschmaschine, erst recht für die Klospülung.

Fakten: Nicht ein Prozent des Wasserverbrauchs wird getrunken, zu Tee oder Kaffee, für Suppen und Soßen verkocht. Würden wir nur diese kleine Menge Trinkwasser aus den Leitungen zapfen, wären alle Wasserrohrnetze neunundneunzigfach überdimensioniert. Monatelang würde das Wasser in manchen Leitungen stehen. Es würde verkeimen und ungenießbar werden. Diese Gefahr besteht heute schon in vielen Häusern mit Stichleitungen aus denen selten Wasser gezapft wird, aber auch durch zu große Warmwasserspeicher, deren Inhalt infolge der Wassersparerei wochenlang warm steht und kaum umgeschlagen wird. Darüber lesen Sie hier bald ein Kapitel über "Legionellen".

3. Fehler: Wer Wasser spart, spart doppelt Geld, denn nach dem Verbrauch wird ja auch die Abwassergebühr berechnet.

Fakten: Die Grundidee war von Anfang an, Wasser in die Haushalte zu liefern, und Abwasser zu entsorgen. Das wurde bis in die Dörfer verwirklicht. Die Hausbrunnen neben den Misthaufen konnten verschwinden. Weil sich Leitungswasser im Gegensatz zu Abwasser leicht mit Zählern messen läßt, wurde das Abwasser nach der gezapften Frischwassermenge berechnet. Ebenso einfach wie logisch! Fehler, die dadurch entstanden, daß Tante Olga zuhause Tee trank und bei uns die Toilette benutzte, oder umgekehrt, machten keinen ärmer oder reicher.

4. Fehler: Wer mit Regenwasser spült, schont die Umwelt und spart. Dafür lohnen sich sogar eigene Wasserleitungen im Haus.

Fakten: Der Umwelt ist es völlig einerlei, welches Wasser die Fäkalien aus der Kloschüssel in die Kläranlage schwemmt. Hauptsache es wird geschwemmt. Und die zweiten Leitungen lohnen sich nur für umsatzwütige Geschäftemacher. Sie , verehrter Leser, wollen doch, daß weiterhin aus dem Trinkwasserhahn nur reinstes Trinkwasser fließt, darin auch nicht gelegentlich nur die Spur von Spatzenschiß aus der Dachrinne schwimmt. Das erfordert Sicherheit. Schon gibt es umfangreiche "Vorschriften für die Installation von Grauwasser-Anlagen". Diese einzuhalten, kostet Geld. Mehr als Sie glauben. Die Leichtfertigkeit der Bastler und der bastelnden Fachleute haben bereits ein riesiges Schadenspotential geschaffen. Fehlende Überläufe, falsche Nachspeisung und vieles andere haben so manche Grauwasseranlage zur Fäkalienpumpe umfunktioniert. Die meisten Vorfälle bleiben jedoch im Dunkeln, weil man ja nicht darüber redet. Und das Restrisiko bleibt jedem Grauwassernutzer. Darüber lesen Sie in den "Folgen".

5. Fehler: Es ist richtig, wenn immer mehr Leute fordern, daß Wasserverbrauch und Abwassermenge getrennt werden. Wer Wasser im Garten versprengt, erzeugt kein Abwasser und muß von den anteiligen Gebühren befreit werden.

Fakten: Derlei Scheinlogik entspringt der Neigung einer Mehrheit unserer Landsleute, bei jeder Gelegenheit für sich so viel wie möglich herauszuholen. Koste es die Allgemeinheit, was es wolle.

6. Fehler: Unser Grundwasser wird durch Einleiten von Niederschlagswasser in die Klärsysteme und deren Überlaufen gefährdet. Deshalb ist Regenwassernutzung aktiver Umweltschutz.

Fakten: An etwaigen Überflutungen sind gepflasterte und versiegelte kommunale Flächen beteiligt, nicht die Gärtlein der Häuselbesitzer. Dieser Kreis wird durch solche Aussagen bewußt in die Irre geführt.

Folgen: Die Abwassertechnik ist seit Ihren Anfängen auf das Transportmittel Wasser angewiesen. Fäkalien rollen nicht - und was heute alles weggespült wird, erst recht nicht. Das Zeug muß schwimmen. Seit Wasser gespart wird mit Gewichten in Spülkästen und mit Tasten für "Wasserstopp", floriert ein Gewerbe, das es in dieser Form vorher nicht gegeben hat:

Die Rohrreinigungsdienste. An jeder Ecke stehen die Einsatzfahrzeuge, bieten per Fahrzeugbeschriftung Tag-und-Nacht-Dienst an und "Kanalfernsehen". Da läuft nicht "Der Dritte Mann", sondern man sieht auf kleinen Monitoren warum es wo nicht mehr läuft. Die Rohrreinigungskosten richten sich nach Meter Kabellänge oder Spiralenlänge, die jeweils in der Unterwelt verschwinden bis alles wieder abläuft. Was ein einziger Einsatz kostet, kann kein Häuserblock per Sparklick jemals einsparen. Das Transportmittel Wasser ist auch in den großen Kanalquerschnitten unerläßlich. In Berlin klagten kürzlich Bürger über Gestank aus dem Kanalnetz und forderten Abhilfe. Was glauben Sie welcher Art? - Richtig, das Kanalnetz soll künftig zusätzlich "gespült" werden. Natürlich mit dem Wasser, das die Bürger seit Jahren heftig sparen. Die Kosten wälzt der Berliner Magistrat auf die Bürger über die Abwasserkosten ab. Auch die Kläranlagen aller Gemeinden sind auf eine seit Jahrzehnten übliche "Verdünnung" des Abwassers ausgelegt. Je dicker der Brei durch Wassersparen wird, um so mehr Frischwasser muß zugegossen werden. Weil der biologische Abbau durch lebende Bakterien nur solange stattfindet, wie diese Lebewesen nicht im Schlamm und in der Konzentration der Tenside (Bademittel, Shampoon, Spülmittel) ersticken. In manchen Kläranlagen läuft Tag und Nacht, jahraus, jahrein aus dicken Leitungen Trinkwasser in die Becken. Mit Zählern gemessen und von den Bürgern bezahlt!

Wenn Sie als Wassersparer nur das Trink- und Kochwasser zapfen, leben Sie gefährlich. In den Leitungen zu lange stehendes Wasser "fault" zwar nicht, aber es verkeimt. Die Keime kommen mit dem Wasser angeschwommen und vermehren sich; ganz natürlich. Natürlich sehen oder riechen Sie das nicht. Sie fühlen sich leicht erkältet, spüren Druck auf der Lunge. Tippt der Arzt auf leichte Entzündung und tut nichts, kann es sein, daß Sie Tage später auf dem Friedhof liegen: maximaler Wassersparerfolg! Passiert über sechstausendmal jährlich in Deutschland. Ich spüle meine Wasserleitungen vor jedem Schluck, vor dem Zähneputzen, dusche nicht mit der Strählchenbrause, sondern mit dem weichen Strahl. Und zahle die paar Liter gern, damit unser Dorfwasser sauber und preiswert, meine Frau und ich so gesund wie möglich bleiben. Aber die mittlerweile vielen tausend erfolgreichen "Grauwassernutzer", werden auch nicht krank, sparen sich im Gegenteil gesund. Bitte, nicht nachplappern, was im Metzgerblättchen und in Hausfrauen-Magazinen angepriesen wird. Mit Grauwasser werden zwar die Abflußleitungen gespült, nicht jedoch die Frischwasserleitungen. Reduzierte Abwassergebühren, das wissen wir doch jetzt, erhöhen die Arbeitspreise für alle.

 

Und was an Ersparnis bleibt, lohnt die Ausgaben für die Grauwasseranlagen nicht. Damit sind nicht die Wasserfässer neben den Regenrohren gemeint, sondern die Hausanlagen mit Auffangbehältern, Filtern, Pumpen und Leitungen zu den Toiletten, zu den Gartenwasserhähnen und so weiter. Vorschriftsmäßig sicher verlegt! Das kostet, ich schreibe es noch einmal, mehr als es jemals bringt. Und es bleibt das Restrisiko. Kommt einer zu Schaden, als Folge einer Verwechslung der Hähne, genauer, weil er Grauwasser trinkt, oder irgendwie auch nur verkeimte Tropfen aufschnappt, ist er nicht selber schuld, sondern der Betreiber. Vielleicht haftet der Installateur, falls es einen gegeben hat. Reden sie darüber mit Ihrem Rechtsanwalt. Aber glauben Sie nicht, es könne doch nie etwas passieren. Was Kinder, Besucher, Handwerker oder weiß Gott wer unüberlegt anstellen können, denken Sie sich bitte selber aus.

Zum Schluß dieses Kapitels stellen wir uns den Sahel vor. Drei Jahre, oder noch länger, fällt kein Tropfen vom Himmel. Was würden drei Sommer ohne Regen, drei Winter ohne Schnee für unsere kleinen Gärten bedeuten?  Und erst dort unten, bei der Sonne und der Hitze! Aber so viel Wasser Sie auch hier sparen, Davon kommt kein Liter in den Sahel. Die Millionen DM aber, die unsere Grauwasserapostel zum Schaden unserer gemeinschaftlichen Trinkwasser Versorgung und der Abwasser-Entsorgung eigennützig ausgeben, könnten den Menschen in den Dürreregionen, und auf andere Weise auch uns, wirklich helfen.

 

Sie wollen mitmachen? Dann drehe Sie den Wasserhahn öfter auf, trinken sie öfter einen Schluck, wenn es schön frisch und kalt kommt, und denken Sie öfter nach. Über unsere Welt, unser Wasser und über die Menschen im Sahel.

 

Schreiben Sie mir nicht, ich male Horrorszenarien aus. Über Erfahrungen berichte ich. Aus langen Berufsjahren! Daß ich mit meinen Ratschlägen so oft Recht behalten habe und immer wieder aufs Neue behalte, wurmt mich. Und Sie?

 

Haben Sie ihre Grauwasseranlage auch schon geplant? -Na also!


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