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Zen oder die Kunst Feuer zu machen
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Zen oder die Kunst ein Feuer zu machen
Alfred Eisenschink Vielleicht ist Ihnen der Bestseller von Robert M. Pirsig noch erinnerlich, von dem ich den Titel entlehnt und abgewandelt habe. Das Buch handelte vordergründig von der Kunst, ein Motorrad zu warten, und bot treffliche Analysen sowie den Einblick in die geistigen Strömungen in den USA um 1970. Da setzt sich der Erzähler, autobiografisch, wie er später gesteht, mit der Einstellung eines befreundeten Paares zu ihrem Motorrad auseinander. Aufsteigen und losfahren wollen die beiden; möglichst schnell und weit. Die Hitze der Highways ist ihnen zu heiß, der Regen zu nass. Das meiste von dem, was sie erleben, mißfällt ihnen. Ganz anders sieht der Autor die Welt, achtet auf die Straßenverhältnisse, hört auf das Motorgeräusch, kontrolliert den Ölstand, und stellt an einem Morgen die Ventile der Motorzylinder nach. Nicht nur, weil er eine Panne irgendwo in der Wildnis vermeiden will, sondern weil man das nur am kalten Motor richtig hinkriegt. Romantisch" nennt er die Lebenseinstellung der beiden, und die seine im Gegensatz dazu "klassisch". Nicht nur ihr Motorrad, sondern alles was sie umgibt, was ihnen unterkommt, sehen und bewerten diese Zeitgenossen äußerlich. Das Wesen der Dinge, deren verborgener Wert, die ihn ständig beschäftigen, und zwar in erster Linie gedanklich, lassen jene kalt. Und er sieht seine Lebensart von der Zeitströmung überspült. Ganz ähnlich hat sich der Zeitgeist unterdessen bei uns entwickelt. Aus dem Bauch heraus wird alles und jedes augenblicklich nach seiner Nützlichkeit für den Augenblick eingeschätzt, benützt oder eben liegengelassen. An einem Motorrad, um noch bei Pirsig zu bleiben, interessieren der Sound, der Speed, der Trip. Die Ventile stellen sich automatisch nach, oder der nächste "Kundendienst" macht das, falls ihn Maschine und Fahrer noch erleben. Als Antwort auf eine militante Technikfeindlichkeit, schreibt Pirsig, habe sich diese "romantische" Technikfreundlichkeit entwickelt. Lassen wir es dabei! Die "klassische" Sichtweise der Welt, das gedankliche und praktische Befassen mit den Ursachen aller beobachtbaren Wirkungen hat mich von Kindesbeinen an beschäftigt. Das Abfließen einer Pfütze nach einem Gewitterregen über die Einfahrt einer Kohlenhandlung, die Kurven und Gräben, die sich die immer zäher werdende schwarze Brühe suchte, hatte mich auf dem Heimweg vom Kindergarten so sehr aufgehalten, daß ich die Standpauke über das verspätete Heimkommen angesichts dieses Naturschauspiels als nebensächlich empfand. Weite Wege, die ich durchschritt, habe ich mir verkürzt mit Nachdenken über Ursachen von allerlei Wirkungen, die ich neben den Wegen sah. Noch heute kommen mir alte Wege immer wieder neu vor, weil ich Teile davon stets in gedanklicher Abwesenheit beging. Am meisten beeindruckt mich immer noch das Erleben der Geschwindigkeit mit der Eindrücke und gedankliche Verbindungen geistig auf Richtigkeit und Übereinstimmung mit Erfahrungen und Wissen überprüft werden. In Millisekunden stellen sich Ergebnisse ein, für deren Zustandekommen riesige Software-Programme tagelang durchs Internet forschen müßten. Und darin liegt ein besonderer Hinweis. Das Vorhandensein vergleichbarer Datenbänke setzt deren Anlage voraus. Pirsigs "Romantiker" legen sie erst gar nicht an. Warum ein Motorrad fährt, kümmert sie wenig, solange es fährt. Der "Klassiker" fährt und weiß, warum er das kann, und was er tun muss, daß er es möglichst lange kann. Wohin ich schaue, ich sehe heute fast nur romantische Typen; beispielsweise wenn es ums Feuermachen geht. Da steht einer meiner Nachbarn, Gott-sei-dank knapp hundert Meter entfernt, zwischen Nebenhaus und Stall und macht auf einem waagrechten Eisengestell Feuer. Flammen lodern auf und der Mann wedelt mit einem Karton bis sie erlöschen. Dann steigt weißer Rauch auf, hüllt ihn ein und füllt den ganzen Hof des Bauernhauses, zieht darüber in Richtung Kirchturm ab. Der Mann beginnt zu husten, läuft weg, und kommt mit einer Kabelrolle wieder. Gebückt steckt er unter der Rauchwolke etwas an: einen Haartrockner. Damit bläst er nun an die Quelle des weißen Rauchs. Zeitweise kann er den Kopf über den Rauch strecken. Es ist ein Sommerabend: der Mann will Fleisch grillen; für die Familie, vielleicht auch für Sommergäste. Das hat er wohl beschlossen. Deshalb erträgt er die selbst geschaffene Plage. Obwohl ihm nicht zuzuschauen ist, verfolge ich das Schauspiel weiter. Er erträgt es weiter. Plötzlich läuft er abermals weg, kommt wieder mit einer Schüssel. Daraus nimmt er Fleischtrümmer, legt sie in den Rauch auf das Gestell. Der Rauch färbt sich nun bläulich. Der Mann streckt und reckt sich aus der Wolke und neben die Wolke. In den Wind, vor den Rauch kann er sich nicht stellen, weil er den Grilltisch zu nahe am Zaun aufgebaut hat. Ich gehe ins Haus. An Sie richte ich nun die klassischen Fragen, die er sich hätte stellen müssen, ehe er das romantische Feuer entfachte: Woher weht der Wind? Womit mache ich Feuer? Wie zünde ich es an? Wie erreiche ich viel Glut? Und wie lange kann das dauern? - Die Antworten weiß der klassisch denkende Mensch in dem Augenblick, in dem er die Schwelle zum Garten überschreitet. Nicht zu reden, was er über oder besser vor einer Glut mit Bedacht bräunt und gart, wann und womit er würzt. Er weiß das alles, obgleich er es nirgendwo gelernt hat. Natürlich hat er Feuer gemacht. Im eigenen Ofen, vielleicht aber auch nur auf einer Hütte. Und andere hat er dabei beobachtet. Immer hat er erkannt, ob und warum es bei Nachbarn, am Strand, auf einer Gartenparty oder bei Profis gut ging oder eben daneben. Wenn er den Erfolg seines Vorhabens aus unabwendbaren Gründen gefährdet sieht, fängt er die Zündelei erst gar nicht an. Das unterscheidet den klassisch Denkenden von romantisch handelnden Balkon-Pyromanen. Diese Zeitgenossen sichern indessen den privaten Konsum, wie alle Verkaufsstrategen wissen. Leicht und schnell sind sie mit ein paar stimmungsvollen Bildern zu gewinnen, glauben sofort alles, was ihnen versprochen wird, und kaufen, kaufen, kaufen. Dafür ein Beispiel zum Thema Feuermachen. Im Internet steht Anfang Juli 2001 zu lesen: "Rasant steigende Heizöl- und Gaspreise bei gleichzeitig immer geringer werdenden Wärmebedarfszahlen von deutlich unter 10 kW lässt alternative Heiztechniken immer stärker ins Rampenlicht rücken, wobei Feststoffkessel für den Holzbetrieb mittlerweile auf großes Interesse stoßen. Eine spezielle Variante, die das stimmungsvoll lodernde Feuer eines Kamins mit den Vorteilen einer Zentralheizung verbindet, hat die Firma .... im Programm: Der .... ist ein Kaminofen mit integriertem Wärmetauscher, der an die Zentralheizung angeschlossen werden kann... Anders als bei herkömmlichen Kaminöfen ohne Wärmetauscher gibt der .... nur 2 kW in Form von Strahlungswärme in den Aufstellungsraum ab, die restlichen 6 kW werden über einen integrierten Wärmetauscher der Zentralheizung beziehungsweise dem Pufferspeicher zugeführt." Ein verführerischer Text, auf den allerdings nur Romantiker anspringen. Dem Klassiker fällt dazu einiges ein: Das Feuer brennt in diesem Kasten nicht von selbst. Ich schleppe also das Holz fürs ganze Haus und für den ganzen Winter Armvoll für Armvoll ins Haus, und ausgerechnet auch noch ins Wohnzimmer. Aus dem "Feststoffkessel für Holzbetrieb" muss die Asche raus, kann nicht wie in einem Grundofen für ungezählte Feuer liegen bleiben. Das gibt Staubwolken im Wohnzimmer und Staubfahnen durchs Haus. Wenn ich an bitterkalten Tagen 10 kW brauche, gut, aber in der Übergangszeit reichen 2 kW. So kleine Feuer brennen nicht lange, dann ist es wieder aus mit der Wärme. Pufferspeicher ist für die Übergangszeit ein Bluff, denn bei großen Feuern habe ich ja 2 kW allein im Wohnzimmer. Was mache ich damit? Selbst wenn der Speicher puffert, braucht er dazu "Ladung". Der Auflader bin ich. Ich laufe zum Thermometer des Puffers und dann zum Kaminofen, um wieder Feuer zu machen. Wenn ich gerade nicht will oder nicht kann, lodert kein stimmungsvolles Feuer vor dem integrierten Wärmetauscher in dem Kaminofen und die Bude bleibt kalt. Die romantische Stimmung, die sich dann jeweils im Haus einstellt, kann sich der klassisch denkende Holzheizer ebenfalls leicht vorstellen. Und davon wird ihm heiß. Übrigens ist das alles schon auf dem Markt gewesen, aber sang- und klanglos davon wieder verschwunden. Die "Kachelofen- und Luftheizungsbauer" wollten mit den "Heiztaschen" in den Einsatzöfen über Rohrleitungen und Radiatoren weiter entfernt liegende Räume beheizen, zum Beispiel Bäder, die sie mit den Warmluftkanälen nicht erreichen konnten. Das war Mitte der fünfziger Jahre. Ein Riesen Aufwand, der schlechter funktionierte als eine ordentliche Zentralheizung und am Ende kaum weniger kostete. Außerdem: Brennstoff und Asche fürs ganze Haus im Wohnzimmer; auch im Keller war das kaum vorteilhafter. Es gab auch noch Zentralheizungsherde, auf deren Herdplatten man kochen, in deren Bratröhren man backen und braten können sollte. Und das ganze Haus "ganz nebenbei" auch noch zentralbeheizt. Laut Prospekt wohlgemerkt! In der Praxis kamen infolge der gegenläufigen Heiz- und Bratzeiten das Umlaufwasser häufig zum Kochen und die backenden oder bratenden Köchinnen zur Weißglut. Für größere Heizkessel waren Feinkohlen-Unterschubfeuerungen zu haben. Im Wettbewerb zur aufblühenden Heizölfeuerung sollten damit Kohlenhalden abgebaut werden. Abgebaut wurden diese Erfindungen wieder, weil die ständigen Störfälle zu Anfällen der trotzdem unerläßlichen Heizer(-innen) führten. Als Pellets-Feuerung wird die Sache gerade wieder für alternatives Holzheizen mit großem Tamtam angepriesen. Wird alles wieder verschwinden, denn feste Brennstoffe lassen sich nicht zuverlässig automatisieren wie Heizöl oder Gas. Wenn dies alles schon einmal nicht funktioniert hat, warum wird das wieder aufgelegt und als Neuheit angeboten? Darauf habe ich die klassische Antwort: weil es die Leute von heute eben nicht mehr wissen. 30 Jahre genügen für das Vergessen, und hier kommen wir schon auf 40 bis 50. Und noch ein Grund: Romantisierende Zeitgenossen denken nicht über das Wesen, nicht über den inneren Wert der Dinge nach, mit denen sie sich umgeben. Täten sie dies, wenn es ums Feuer im Haus geht, kämen sie darauf, welche Kunst dahinter steckt. Kunst kommt von Können. Und "Können-lernen" hat etwas zu tun mit Zen. Ende! |
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